
Vorbereitungstage auf das Sozialpraktikum am Grimmelshausen-Gymnasium
“Ich habe elf Jahre Erfahrung”, sagte Frank, als er gelobt wurde, weil er am Dienstagmorgen seinen E-Rollstuhl mit dem Joystick so gekonnt durch die schmalen Gassen der Grimmels-Mensa navigierte. Zusammen mit vier weiteren “Experten” der Lebenshilfe Offenburg-Oberkirch, die unter der Leitung von Frau Busam kamen, besuchte er am 20. Oktober 2026 im Rahmen der Sozialpraktikumsvorbereitung die zehnten Klassen unserer Schule. Diese fünf waren jedoch nicht die einzigen der sogenannten Expertenrunde. So berichteten auch Vertreter vom Haus Fichtenhalde, dem ASB Südbaden und der Akademie2 für Pflege über ihre Tätigkeit. Die zehnten Klassen erfuhren viel über die Einrichtungen, aber auch über persönliche Erfahrungen bei der Arbeit dort.
Am zweiten Tag der Sozialpraktikumsvorbereitung durften sich die Schüler*innen in die Lage von Menschen mit Beeinträchtigungen hineinversetzen. So sah man am Donnerstag, den 22.10., nicht mehr Frank im Rollstuhl, sondern die Zehntklässler*innen. Dass es für diese Art der Fortbewegung Übung braucht, wurde den Schüler*innen nicht erst beim Versuch, im Klassenzimmer niedrige Hindernisse zu überwinden, deutlich. Das eigenhändige Anheben der Vorderräder war für alle eine Herausforderung und gelang oft erst beim x-ten Versuch. Draußen auf dem unebenen Kopfsteinpflaster ging es nicht leichter, zudem eine Bodenvertiefung dafür sorgte, dass einige erst mal steckenblieben. Aber auch der Spaß kam nicht zu kurz, wie man beim Rollstuhl-Wettfahren über den Schulhof beobachten konnte. Danke an dieser Stelle nochmal an Malte Langer und Reinhard Wunderlich für das Bereitstellen der verschiedenen Rollstühle sowie an Sarah Ziegerer und Tina Scharte für die gelungene Einweisung ins Rollstuhlfahren. Bei Stefan Rendler und Andreas Stiefel vom Blinden- und Sehbehindertenverein Südbaden fühlten sich die Zehntklässler*innen anschließend ins Blindsein ein. Sich so viel Wasser einzuschenken, wie man trinken möchte, ohne dass das Glas überläuft, erwies sich ohne Sehvermögen als schwierig, gelang aber dank eines Tricks bei den meisten problemlos (und wo nicht, musste das Wasser eben aufgewischt werden …). Bei schönstem Sonnenschein ging es dann hinaus auf den Schulhof. In Paaren, von denen eine Person eine sichtbehindernde Brille trug, sollten die Begleiter die Sehbehinderten umherführen, wobei die Blinden als zusätzliche Hilfe einen Blindenstock hielten. Bei der dritten Station schließlich führte die Behindertenbeauftragte des Ortenaukreises, Anita Diebold, in nichtsichtbare Behinderungen ein. Auch hier stand die eigene Erfahrung im Vordergrund. So übten sich die Zehner am Füttern bzw. Gefüttertwerden. Sie stellten anschließend fest, dass sie beides nicht einfach fanden: Als Gefütterte(-r) fühlt man sich ausgeliefert, als Fütternde(-r) unsicher, was Essensmenge und Tempo angeht. Außerdem hatte Malte Langer verschiedene Hilfsmittel mitgebracht zum Einfühlen in Gehörprobleme und Schwierigkeiten mit dem Gehen. Die Jugendlichen probierten sowohl die Kopfhörer als auch die verschiedenen Beinorthesen aus, wobei sie bei letzterem das Gehen aus ganz neuer Perspektive wahrnahmen.
Im Unterschied zum eingangs zitierten Mann aus der „Lebenshilfe“ haben unsere zehnten Klassen nur einen einzigen Tag lang Erfahrung gesammelt. Dieser dürfte aber reichen, um uns allen klar gemacht zu haben: erstens ist das Leben mit Beeinträchtigungen herausfordernd, aber mit Geduld und Ausdauer bewältigbar. Und zweitens haben sogenannte Menschen mit Beeinträchtigung uns einiges voraus!






Text und Fotos: Veronika Burth
