{"id":8637,"date":"2018-06-25T10:20:28","date_gmt":"2018-06-25T08:20:28","guid":{"rendered":"http:\/\/grimmelshausen-gymnasium.de\/wordpress\/?p=8637"},"modified":"2018-07-03T10:22:07","modified_gmt":"2018-07-03T08:22:07","slug":"jugendliche-fluechtlinge-auf-einer-der-gefaehrlichsten-routen-der-welt-lesung-mit-dem-jugendbuchautor-dirk-reinhardt-zu-seinem-buch-train-kids","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/grimmelshausen-gymnasium.de\/wordpress\/jugendliche-fluechtlinge-auf-einer-der-gefaehrlichsten-routen-der-welt-lesung-mit-dem-jugendbuchautor-dirk-reinhardt-zu-seinem-buch-train-kids\/","title":{"rendered":"Jugendliche Fl\u00fcchtlinge auf einer der gef\u00e4hrlichsten Routen der Welt \u2013 Lesung mit dem Jugendbuchautor Dirk Reinhardt zu seinem Buch \u201aTrain Kids\u2018"},"content":{"rendered":"<p>Am 7.6.2018 war Dirk Reinhardt zu einer Lesung mit seinem Jugendbuch \u201aTrain Kids\u2018 am Grimmelshausen-Gymnasium zu Gast. Sechs Klassen lie\u00dfen sich von den dramatischen Schicksalen einiger lateinamerikanischer Jugendlicher anr\u00fchren, denen tats\u00e4chliche Begegnungen des Autors zugrunde liegen. Eine Sch\u00fclerin aus Klasse 9 schrieb die folgende Reportage&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist 13:55 Uhr. Ein stickig-hei\u00dfer Tag im Juni, aber dennoch herrscht im \u00fcberhitzten Theaterraum des Grimmelshausen-Gymnasiums ein so reger Andrang wie sonst nur bei den Vorf\u00fchrungen w\u00e4hrend des Sommerfests.<\/p>\n<p>Fast hundert Menschen haben sich hier versammelt, haupts\u00e4chlich Sch\u00fcler, von denen die meisten jetzt wohl lieber im Bus auf dem Heimweg oder sogar schon zuhause auf dem Sofa s\u00e4\u00dfen. Dennoch sind viele bereits rege dabei, ihre Exemplare von \u201eTrain Kids\u201c signieren zu lassen \u2013 von Dirk Reinhardt, der geduldig auf das Eintreffen der \u00fcbrigen Zuschauer- und Zuh\u00f6rer wartet. Nachdem alle eingetroffen sind, schlie\u00dft man die T\u00fcren und augenblicklich wird es merklich stiller im Raum. Es wird eine lange Lesung, das wissen oder vermuten die meisten und bei ann\u00e4hernd drei\u00dfig Grad im Schatten gilt es, sich angemessen auf die folgenden beiden Schulstunden vorzubereiten. Dazu geh\u00f6ren bei vielen das Buch, das heute vorgestellt werden soll, eine Flasche Wasser oder Block und Stift, die wahlweise zum Mitschreiben verwendet werden oder um sich die Zeit mit Zeichnen zu vertreiben.<\/p>\n<p>Als Dirk Reinhardt das Mikrophon an sich nimmt, verstummt jedoch auch das letzte Gemurmel endlich und der Autor des erfolgreichen Jugendbuchs stellt sich und sein Werk mit einigen S\u00e4tzen vor. Die Handlung, die sich um f\u00fcnf s\u00fcdamerikanische Jugendliche auf dem Weg in die USA dreht, hat einen gleicherma\u00dfen wahren wie ernsten Hintergrund. In vielen L\u00e4ndern Mittel- und S\u00fcdamerikas, in L\u00e4ndern wie Guatemala, Honduras oder El Salvador, sei die Armut oft so gro\u00df, dass selbst die Kinder arbeiten m\u00fcssten, um dabei zu helfen, die Familie zu ern\u00e4hren. Sie arbeiten als billige Arbeiter in Textilfabriken, suchen verwertbare Gegenst\u00e4nde und Lebensmittel auf M\u00fcllhalden oder lauern Autos an roten Ampeln auf, um die Windschutzscheiben gegen ein kleines Taschengeld zu putzen.<\/p>\n<p>Dabei kommt es allerdings auch vor, dass die V\u00e4ter ihre Familien verlassen und die M\u00fctter mit oft vielen und kleinen Kindern zur\u00fccklassen, was die Zur\u00fcckgelassenen vor ernsthafte Probleme stellt. Wie er uns mithilfe einiger Bilder verdeutlicht, ist es f\u00fcr Frauen in S\u00fcd- und Mittelamerika beinahe unm\u00f6glich alleine f\u00fcr die Familie zu sorgen, da dort die Gleichberechtigung noch nicht sehr weit fortgeschritten ist. Viele entschlie\u00dfen sich deshalb dazu, die Kinder bei entfernten Verwandten, Nachbarn oder Freunden unterzubringen und ihr Gl\u00fcck in den USA zu versuchen, da dieses gro\u00dfe und reiche Land im Norden ihnen ganz andere Chancen bietet.<\/p>\n<p>Die Tr\u00e4umereien und Geschichten, die man sich \u00fcber die USA erz\u00e4hlt, treffen jedoch nur selten zu und so platzt der \u201cAmerican Dream\u201c bei vielen schon in den ersten Monaten wie eine Seifenblase. Aus den angestrebten ein oder zwei Jahren, nach denen die M\u00fctter zu ihren Kindern mit dem verdienten Geld zur\u00fcckkehren wollten, werden rasch ein halbes Dutzend oder noch mehr. Und nach so langer Zeit entschlie\u00dfen sich viele der Kinder, die inzwischen zu Jugendlichen geworden sind, die j\u00fcngeren Geschwister zu verlassen und ihrer Heimat den R\u00fccken zu kehren, um auf die Suche nach den M\u00fcttern zu gehen.<\/p>\n<p>Allerdings m\u00fcssen die jungen Fl\u00fcchtlinge auf dem Weg dorthin ganz Mexiko durchqueren, ein f\u00fcr unsere Verh\u00e4ltnisse wildes und ungez\u00e4hmtes Land. Die Reise ist lang, beschwerlich und nicht ganz ungef\u00e4hrlich, aber dennoch machen sich Zehntausende auf. Sie legen mehrere Tausend Kilometer zur\u00fcck, meist auf den D\u00e4chern fahrender G\u00fcterz\u00fcge und durch die verschiedensten Biome hindurch. Dschungel, Gebirge und W\u00fcsten sind nur einige wenige Beispiele der Natur Mexikos. Zu beiden Seiten der Gleise lauern Banditen, die es auf die Ersparnisse der Fl\u00fcchtenden abgesehen haben. Die Polizei ist so korrupt wie gewaltbereit und allein das Aufspringen auf die Z\u00fcge fordert jede Menge Todesopfer. Dennoch \u00fcben die Vereinigten Staaten eine bizarre Anziehungskraft auf die Fl\u00fcchtlinge aus, sodass sich viele trotz mehrmaligen Scheiterns wieder und wieder auf den Weg machen, oft dreimal, viermal, zehnmal.<\/p>\n<p>Um diese Reise voller Gefahr m\u00f6glichst authentisch wiederzugeben, bereiste Dirk Reinhardt selbst f\u00fcr einige Wochen Mexiko, um sich ein genaueres Bild der Odyssee zu machen. Dabei sprach er mit vielen Jugendlichen, fragte nach ihren Beweggr\u00fcnden und Erlebnissen, vermischte diese mit einer Prise Fiktion und erschuf ein Buch, dem k\u00fcrzlich sogar ein katalonischer Literaturpreis verliehen wurde. Dies berichtet er uns nicht ohne Stolz und f\u00fcgt hinzu, dass es auch ins Japanische \u00fcbersetzt wurde, von dem er kein Wort versteht. Dennoch steht es in seinem B\u00fccherregal. Anschlie\u00dfend setzt er sich, um uns mit der eigentlichen Lesung in seinen Bann zu ziehen, die drei verschiedene Kapitel umfasst und ungef\u00e4hr eine halbe Stunde lang andauert.<\/p>\n<p>Darin lernt man die f\u00fcnf Hauptcharaktere besser kennen: den vierzehnj\u00e4hrigen Miguel aus einem Dorf in den Bergen Guatemalas, der aufbricht, um seine Mutter zu suchen; den furchtlosen Emilio; \u00c1ngel, den kleinsten und j\u00fcngsten von ihnen; Jaz, die eigentlich Jasmina hei\u00dft und sich als Junge ausgibt; und Fernando, der bereits einige Male an der beschwerlichen Reise scheiterte.<\/p>\n<p>Man begleitet sie unter anderem bei ihrem ersten Sprung auf einen fahrenden Zug und sp\u00fcrt f\u00f6rmlich ihre Angst, dass einer von ihnen zur\u00fcckbleiben k\u00f6nnte. Man lernt die mexikanische Polizei etwas besser kennen, vielleicht sogar zu gut, die so gar nicht Freund und Helfer ist. Und man stellt dann doch erleichtert fest, dass es noch Gutes auf der Welt gibt, als sich ein Padre und seine Gemeinde den Verfolgern in den Weg stellen, um die f\u00fcnf Jugendlichen zu sch\u00fctzen. Es ist ein auf und ab der Gef\u00fchle und trotz der sommerlichen Hitze im Theaterraum sind wir dann doch entt\u00e4uscht, als die Lesung nach einer guten halben Stunde zu Ende ist.<\/p>\n<p>Viele der Sch\u00fcler besitzen ohnehin ein Exemplar des Buches und man kann die \u00dcberlegung der anderen beinahe h\u00f6ren, sich ebenfalls eines zuzulegen. Zu gro\u00df ist die Verlockung, zu erfahren, wie es mit Miguel und seinen Begleitern weitergeht und wer von ihnen es nun letztendlich \u00fcber die rettende Grenze in ihr Land der Tr\u00e4ume schafft, die USA.<\/p>\n<p>Der Autor l\u00e4sst sich auch vom Schulgong nicht beirren, der zur Pause ruft, als er gerade dabei ist die Fragerunde zu er\u00f6ffnen. Zu Beginn kommen die Fragen nur sp\u00e4rlich: In welche Sprachen das Buch \u00fcbersetzt worden sei, ob er denn selbst spanisch spreche und ob er wirklich ein M\u00e4dchen wie Jaz kennengelernt h\u00e4tte, das sich als Junge ausgab. Die Antworten sind daf\u00fcr umso ausf\u00fchrlicher und so erfahren wir unter anderem, dass Dirk Reinhardt innerhalb mehrerer Wochen etwa 600 Kilometer der Bahnstrecke quer durch Mexiko abfuhr und dass er mithilfe eines Aufnahmeger\u00e4ts die Berichte seiner Begegnungen festhielt.<\/p>\n<p>Brisanter wird es, als die Frage f\u00e4llt, ob er selbst problematische Begegnungen mit der Polizei gehabt habe, die rigoros und mit mehr oder weniger legalen Methoden gegen kritische Berichterstattung vorgeht. Ja, da h\u00e4tte er durchaus seine Erfahrungen gemacht, erz\u00e4hlt der Autor. Er berichtet von Autokontrollen alle paar Kilometer, Schikanen und Durchsuchungen. Der Gipfel war, dass man am Flughafen seine gesamte Ausr\u00fcstung beschlagnahmt habe, sagt er auf Nachfrage und f\u00fcgt hinzu, Kamera, Laptop und Tonbandger\u00e4t h\u00e4tte er bis heute nicht wiedergesehen. Allerdings war es ihm doch gelungen, all seine gesammelten Dateien per Email nach Deutschland zu schicken und der \u00fcbereifrigen Polizei so ein Schnippchen zu schlagen.<\/p>\n<p>So gelang es ihm innerhalb eines Jahres ein Buch zu erschaffen, das nicht zuletzt dank der aktuellen Brisanz unerwartet hohe Verkaufszahlen erzielen konnte. 2015 erschienen, wurde es bisher mit dem Titel Buch des Monats April 2015 und dem Friedrich-Gerst\u00e4cker-Preis 2016 ausgezeichnet und ebenfalls 2016 f\u00fcr den deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Doch trotz seines gro\u00dfen Erfolgs als Autor nimmt Dirk Reinhardt sich Zeit f\u00fcr Lesungen an Schulen, besucht an einem Nachmittag im Hochsommer lieber unser Gymnasium anstatt das Schwimmbad und beendet seine Lesung p\u00fcnktlich zum Gong.<\/p>\n<p>Viele Sch\u00fcler sind schon halb auf dem Weg nach drau\u00dfen, um nicht ihren Bus oder Zug zu verpassen, bei denen sie selbstverst\u00e4ndlich regelkonform einsteigen und nicht aufspringen wie die Jugendlichen in Dirk Reinhardts Roman. Doch die meisten nehmen sich zumindest noch einige Minuten Zeit, klatschen und eilen nach vorn, um noch die ein oder andere Frage zu stellen oder sich ein Autogramm abzuholen.<\/p>\n<p>Es ist Leben in die Zuschauermenge gekommen, die der Autor nun doch von seinem Buch \u00fcberzeugen und daf\u00fcr begeistern konnte. An diesem schw\u00fcl-hei\u00dfen Tag Anfang Juni im Theaterraum des Grimmelshausen-Gymnasiums.<\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\"><em>Text: J. Forster<br \/>\n<\/em><\/span><\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"8639\" data-permalink=\"https:\/\/grimmelshausen-gymnasium.de\/wordpress\/jugendliche-fluechtlinge-auf-einer-der-gefaehrlichsten-routen-der-welt-lesung-mit-dem-jugendbuchautor-dirk-reinhardt-zu-seinem-buch-train-kids\/p1170323\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/grimmelshausen-gymnasium.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/P1170323-e1530605974653.jpg?fit=1200%2C900&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"1200,900\" data-comments-opened=\"1\" data-image-title=\"P1170323\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/grimmelshausen-gymnasium.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/P1170323-e1530605974653.jpg?fit=1024%2C768&amp;ssl=1\" class=\"alignnone wp-image-8639\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/grimmelshausen-gymnasium.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/P1170323-e1530605974653.jpg?resize=600%2C450&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/grimmelshausen-gymnasium.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/P1170323-e1530605974653.jpg?w=1200&amp;ssl=1 1200w, https:\/\/i0.wp.com\/grimmelshausen-gymnasium.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/P1170323-e1530605974653.jpg?resize=300%2C225&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/grimmelshausen-gymnasium.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/P1170323-e1530605974653.jpg?resize=768%2C576&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/grimmelshausen-gymnasium.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/P1170323-e1530605974653.jpg?resize=1024%2C768&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/grimmelshausen-gymnasium.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/P1170323-e1530605974653.jpg?resize=100%2C75&amp;ssl=1 100w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\"><em>Bild: C. 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