Das Schulleben am Grimmels

GEDENKEN AN REICHSPOGROMNACHT – Lernen aus der NS-Geschichte für 9.-Klässler des Grimmels

Geschrieben von Christian Haist am in Aktuelles, Archiv

Am nicht nur aus deutscher Sicht geschichtsträchtigen 9. November gedachten die Schülerinnen und Schüler der 9. Klassen der Offenburger Gymnasien durch eine Putzaktion der „Stolpersteine“ der erschütternden Ereignisse in der Reichspogromnacht 1938.

Eingeleitet durch eine engagierte Rede auf dem
Marktplatz, in der OB Schreiner sich für Toleranz und Liberalität stark machte,
erinnerte sie an die dunklen Stunden in der Stadt Offenburg und forderte eine
„aktive Einbindung in die Erinnerungskultur“. Gemäß der Idee, ein Mensch sei
erst „vergessen, wenn sein Name vergessen ist“ forderte Sie die versammelten
Jugendlichen dazu auf, die Erinnerung an die Demütigungen und Verletzungen der
Offenburger Juden wachzuhalten.

Dies unternahmen die rund 300 Schülerinnen und Schüler
dann in kleinen Gruppen, die jeweils einen oder mehrere sogenannte
„Stolpersteine“ putzten. Die Offenburger Stolpersteine sind Teil eines Projekts
des deutschen Künstlers Gunter Demnig, das 1992 begann, und Widerhall in ganz
Europa gefunden hat. Mit den kleinen, im Boden verlegten Gedenktafeln soll an
das Schicksal der Menschen erinnert werden, die in der Zeit des
Nationalsozialismus verfolgt, deportiert und ermordet wurden. http://www.stolpersteine.eu/

„Eine ganz wichtige Sache“ fanden denn auch die Grimmels-Schülerinnen und Schüler die Aktion, die gleichermaßen vom Kulturbüro der Stadt, der Schulsprecherinnen und Schulsprecher der Schülermitverantwortung (SMV) und der freien Organisation „Aufstehen gegen Rassismus“ getragen wurde.
https://www.aufstehen-gegen-rassismus.de/lokal/Offenburg/

Für das Grimmels war Schülersprecherin Anna
Vitiello besonders aktiv, um die nötigen Absprachen zwischen Veranstaltern und
Schule zu koordinieren. Dafür, dass sie souverän die Organisation am Grimmels
in Händen hielt, gebührt ihr ein Extra-Lob.

Nach dem Putzen erhielten die Teilnehmer
Informationen zu den Verfolgten und den Getöteten, die auf den Steinen
eingraviert sind. Ergänzt wurde dies durch das Angebot einer Führung durch die
aktuelle Ausstellung im Salmen, die das „Schicksal der jüdischen Gemeinde“
Offenburg nachzeichnet. Der Leiter des Stadtarchivs im Ritterhaus, Wolfgang
Gall, und der Ausstellungsmacher, Volker Ilgen, gaben den staunenden
Jugendlichen eine eindrucksvolle Einführung, indem sie ihnen von 70 zunächst
getretenen, verhöhnten und schließlich vor den Augen der vielen Schaulustigen
verhafteten, sowie 3 sogar getöteten Juden berichteten.

Zu verdeutlichen, dass Gefahren der Ausgrenzung
und Stigmatisierung nie vorbei sind, „der Schoß“ also „noch fruchtbar“ ist,
„aus dem das kroch“, um es mit Brecht zu sagen, war das Ziel einer kurzen Rede
von Carmen Lötsch, Leiterin des Kulturbüros, bevor Schauspielerinnen und
Schauspieler Zeitzeugen-Berichte rezitierten, eingerahmt von
Original-Filmsequenzen der verhängnisvollen Tage um den 9.11.1938. „Die
reichsweiten Ereignisse der Pogromnacht wurden in wirkungsvoller Prägnanz mit
der Offenburger Lokalgeschichte verknüpft“, meinte bewundernd Alexander Hübner,
der als Geschichtsreferendar am Grimmels eine 9. Klasse begleitete.

„Kann man aus Geschichte lernen?“ – Diese Frage bejahte Lötsch, meinte aber, es bräuchte zudem einen „Sinn für Mitmenschlichkeit“. Kaum besser lassen sich so zentrale fachliche wie soziale Aufgaben für uns als Schule im demokratischen Gemeinwesen fassen.

Text und Fotos: M. Steen-Tolle