Das Schulleben am Grimmels

Fahrradexkursion „Menschliche Eingriffe am Oberrhein“ der Geographiekurse

Geschrieben von Christian Haist am in Aktuelles, Archiv, Fahrten und Exkursionen

Wir schreiben das Jahr 2017, um genau zu sein den 14. Juli, um 7:40 Uhr. Langsam trudelt Schüler für Schüler der Jahrgangsstufe 1 auf dem Schulhof des Grimmelshausen-Gymnasiums ein. Jeder Schüler führt ein, für die geplante Exkursion notwendiges, verkehrstaugliches (!!!) Fahrrad und einen obligatorischen Helm(ut) mit sich, zu dessen Tragen jeder verpflichtet wurde. Sogar ein Tandem taucht auf dem Schulhof auf. Während des Wartens werden teils peinlich berührte Blicke ausgetauscht und die Spannung über das bevorstehende Ereignis wächst, ebenso die Sorge um das persönliche Aussehen. Doch die Lösung ward gefunden (zumindest für die weiblichen Teilnehmer): die Bezopfung beginnt. Die Herren der Schöpfung geben die Hoffnung auf ein ansehnliches Aussehen auf. Nach Überprüfung der Anwesenheit werden die Schüler durch die zwei Lehrkräfte Herrn Haist und Herrn Schnirch über die bevorstehende Route und das anzufertigende Protokoll instruiert. Zusätzlich führen anschauliche und an Stewardessen erinnernde Bewegungen Herrn Schnirchs zu einem besseren Verständnis vom Tragen eines Helms.

Die Stimmung unter den Schülern ist zu diesem Zeitpunkt auf einer Skala von 1-10 bei einer stabilen 5 angesiedelt.

 

Nach 400m erfolgt schon der erste Stopp am Mühlbach in der Nähe des Zwingerparks. Die Fahrräder werden abgestellt und die Fragezeichen auf den Gesichtern der Schüler sind nicht zu übersehen. Sollen wir die Räder abschließen? Lohnt es sich, den Helm abzuziehen oder fahren wir gleich wieder weiter? Jeder geht mit dem Problem anders um und letztendlich versammeln wir uns um unsere „Routenplaner“, bereit, die ersten Informationen aufzunehmen und mitzuschreiben. An dieser Stelle erfahren wir einiges über die erste Industrieachse entlang des Mühlbachs, die als ehemalige Spinnerei gerade eine Konversion zum Wohnungsbau erfährt, und die geographischen Gegebenheiten Offenburgs, zum Beispiel, dass der mittelalterliche Stadtkern durch die natürliche Aufschwemmung von Sedimenten der Kinzig höher liegt als das Gebiet westlich des Mühlbachs (vgl. „Stadtbuckel“).

Am Mühlbach – Foto: E.-M. Hranovski, J. Zweier

Als alle wieder im Sattel sitzen, fahren wir beim E-Werk vorbei auf den Kinzigdamm in Richtung Bühl. Unterwegs fängt es plötzlich an zu regnen und wir strampeln uns ab, um zum nächsten Zwischenstopp am Mühlbachufer bei Bühl zu gelangen. Hier wird der Mühlbach, der ein menschlich geprägter Kanal ist, durch ein Wehr reguliert. An dieser Stelle wurden auch Renaturierungsmaßnahmen mit dem Ziel vorgenommen, verschiedene Tiere und Pflanzen wieder anzusiedeln. Und es wirkt: in der Umgebung sind schon Eisvögel gesichtet worden. Wir versuchen die Informationen zu notieren, was sich als schwierig herausstellt, da es immer noch regnet und unsere Unterlagen nass werden.

Die Stimmung ist zu diesem Zeitpunkt auf einer Skala von 1-10 bei einer ernüchternden 3 einzuordnen, da der Regen auch die Motivation der Schüler wegspült.

 

Bei einer kleinen Fahrradraststation in Griesheim angelangt, stellen sich alle unter, um dem stärker einsetzenden Regen zu entfliehen und sich kurz auszuruhen. Da wird es bei der 3m² großen überdachten Fläche sehr schnell sehr gemütlich. Genau dort findet eine doppelte Fütterung statt: zunächst mit dem Proviant, den viele schon auspacken; aber auch mit interessanten Fakten über die Bedeutung der Ortsnamensendungen in dieser Umgebung. So steht die Endung –hurst (Hesselhurst, Hohnhurst) für Ortsgründungen im Bruchwald sumpfiger Niederungen. Die Herkunft der Endung –ried (Neuried, Nesselried) lässt sich daher ableiten, dass vor der Besiedlung des Gebiets zunächst ein Stück Wald gerodet werden musste. Beide Endungen deuten auf die Rode- und Ausbauzeit von Siedlungen ab dem 8. Jahrhundert hin, während –ingen und –heim Orte älter sind und der alemannischen bzw. fränkischen Landnahme des 4. bis 6. Jahrhunderts zugeordnet werden können.

 

In Hesselhurst angekommen, hat es zwar zu regnen aufgehört, doch werden die Schüler über ihre Kenntnisse rund um den Tabak ausgefragt, denn dieser ist eine der Pflanzen, die als Sonderkultur hier am Oberrhein angebaut wird. Das Klima und der Boden sind hier optimal. Auch wenn der Tabakanbau stark zurückgegangen ist, gibt es bis heute noch viele Tabakschober, in denen die Pflanzen nach der Ernte zum Trocknen aufgehängt wurden. Ein ehemaliger Tabakschopf, der mittlerweile zum modernen Wohnhaus umfunktioniert wurde, steht direkt am Ortseingang von Hesselhurst.

Exkursionisten am Hesselhurster Baggersee – Foto: C. Haist

Weiter geht es zur Kittersburger Mühle. Dieser Weg stellt sich als ein langer und beschwerlicher heraus.

Die Stimmung ist zu diesem Zeitpunkt auf einer Skala von 1-10 irgendwo im negativen Bereich zu suchen.

 

Auf einem Feld bei Goldscheuer sehen wir Tabak- sowie Spargelpflanzen. Engagiert springt Herr Haist ins Feld, um uns wissbegierigen Schülern auf anschauliche Art und Weise in die Kunst des Spargelstechens einzuweihen. Weitere Sonderkulturen am Oberrhein werden hier tiefergehend behandelt. Während der Ausführungen der Lehrkräfte kann man immer mehr Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke dringen sehen. Mit dem Wetter hellt sich auch die Stimmung und die Motivation der Exkursionsteilnehmer deutlich auf.

Die Stimmung ist zu diesem Zeitpunkt auf einer Skala von 1-10 bei einer strahlenden 6 einzuordnen.

 

11:23 Uhr: Die Jahrgangsstufe erreicht das ersehnte Ziel, den Rheindamm. Die Erleichterung der Schüler ist ihnen aus den Gesichtern abzulesen, da die letzte Strecke sehr anstrengend gewesen ist. Wir versammeln uns um unsere Lehrer und hören Herrn Schnirch zu, der uns die Entstehung der Oberrheinebene nebst ihren riesigen Sand- und Kieslagerstätten näher bringt.

 

Auf dem Weg zum Auenwildnispfad Altenheim gibt es eine kleine Strecke, die bergab führt und von allen Schülern voller Freude als Tempofahrt genutzt wird. Doch auf einmal hört man einen lauten Knall! Der hintere Reifen des Tandems ist geplatzt; wir müssen also wieder halten. Das provisorische Erste-Hilfe-Set für Fahrräder wird ausgepackt und man versucht, den Reifen zu flicken. Doch es nützt nichts; der Reifen hat ein zu großes Loch und die Besitzer des Tandems müssen uns vorzeitig verlassen. Und wenn wir schon stehen, essen wir auch. Doch kaum jemand hat noch etwas zu essen und so entwickeln wir uns zu kleinen St. Martins und teilen untereinander die letzten Reste. Sogar Herr Haist gibt etwas von seiner Melone weiter. Ehrenmann.

 

Der Auenwildnispfad ist unser letztes offizielles Ziel auf dieser Exkursion. Da wird es noch einmal gemütlich, denn wir setzen uns rund um eine Feuerstelle und es kommen Lagerfeuergefühle auf. Na ja, eigentlich ist es etwas zu hell dafür. Außerdem stellt sich heraus, dass ein Großteil der Schüler nicht sehr naturverbunden ist, denn sie fühlen sich durch so manch fliegendes Getier unbehaglich und empfinden es als Bedrohung. Nach den letzten Informationsladungen zur Hart- und Weichholzauevegetation und den Hochwasserschutzmaßnahmen des Integrierten Rheinprogramms fahren wir weiter in Richtung Schutterwald.

 

Auf dem Weg spaltet sich die Gruppe auf: die flotten, ausdauernden Schüler fahren mit Herrn Schnirch voran und die schon etwas Mitgenommenen kämpfen sich wacker mit Herrn Haist voran. Letztendlich haben es aber alle nach Schutterwald geschafft, und da kommt die Belohnung für die Anstrengungen, die die Schüler bei der Exkursion auf sich genommen haben: EIS! Jeder bekommt eine Kugel Eis spendiert und die Freude ist nicht mehr aus den Gesichtern zu wischen.

Die Stimmung erreicht zu diesem Zeitpunkt auf einer Skala von 1-10 die Bestwertung von 12.

 

Die Fahrradexkursion war, trotz der Hochs und Tiefs ein tolles Erlebnis für alle Schüler, bei der uns sehr viel neues Wissen über das Gebiet, in dem wir leben, vermittelt wurde. Zudem erkundeten viele zum ersten Mal den Raum rund um den Oberrhein mit dem Fahrrad. So schnell wird die Exkursion wohl nicht in Vergessenheit geraten.

 

von Eva-Maria Hranovski und Jessica Zweier